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Web 2.0 : E-Learning-Reform oder mediendidaktische Innovation ?

26. Februar 2009

Slide: Wolfgang Neuhaus

Als Reaktion auf meinen Blog-Beitrag „Innovationsbremse E-Learning“ bat mich Andrea Back, ihre Vorbereitungen für eine Keynote auf dem Swiss eEducation Forum zu kommentieren. Im Blog-Eintrag ihrer Forschungswerkstatt werden Belege dafür zusammengestellt, dass die disruptiven Elemente des Web 2.0 die herkömmlichen Grundlagen des E-Learnings verdrängen.

Aus der Perspektive von Unternehmen und Hochschulen wirkt die Abkehr von den bolidenhaften Learning-Management-Systemen hin zu nutzerzentrierten, sozial vernetzten und individuell kombinierbaren Web 2.0-Lösungen vermutlich wirklich disruptiv, möglicherweise auch innovativ. Aus Perspektive einer konstruktivistisch verstandenen Mediendidaktik werden vor allem Chancen sichtbar: Die Wiederentdeckung des sozialen Lernens im Web 2.0 bietet viele Ansatzpunkte für eine nachhaltige, mediengestützte Pädagogik, die stark genug ist, die theoretischen Verkrustungen des Instruktionsdesigns abzuschütteln.

Ob wir hier aber von einer wirklichen Innovation sprechen können, hängt aus meiner Sicht auch davon ab, wie sich Akteure, Multiplikatoren und vor allem Lehrende und Lernende in der Praxis verhalten und wie die Web 2.0-Elemente in die Lehr- und Lernpraxis integriert werden. Die von Andrea Back beschriebenen Merkmale einer Web 2.0-getriebenen Netzkultur sind aus meiner Sicht nicht ohne weiteres auf die institutionellen Bedingungen des Lehrens und Lernens übertragbar.

Ein Blick auf vergangene Entwicklungsetappen der E-Learning-Branche zeigt, dass trotz der Implementation umfassender technologischer Infrastrukturen in den Bildungsinstitutionen das E-Learning auf vergleichsweise geringe Akzeptanz stößt.
Zudem wirkt ein Blick auf die zahlreichen Vergleichsstudien recht ernüchternd. Die zentrale Ursache dafür, dass es sich bei vielen E-Learning-Hypes der letzten Jahrzehnte eben nicht um wirkliche Innovationen handelte, liegt nach meiner Ansicht darin, dass es eine erhebliche Kluft gibt zwischen den ständig um sich selbst kreisenden Ansätzen der E-Learning-Branche und der real praktizierten Pädagogik in den Bildungsinstitutionen.

Und hier findet sich dann auch der Ansatzpunkt für eine wirkliche mediendidaktische Innovation: „Der Kern jedes Lernprozesses liegt in der Handlung. Und zwar in der realen Handlung des Lernenden im realen Raum.“ Diese Einsicht bildet bei ausgebildeten Pädagoginnen und Pädagogen schon seit langem die Grundlage für die Komposition didaktischer Arrangements. Diese durch eine Vielzahl von Lerntheorien belegte Annahme taucht auch hier und da in den unterschiedlichen Entwicklungsstufen des Instruktionsdesigns auf, jedoch werden daraus keine adäquaten Konsequenzen gezogen. Handlungen werden hier ausschließlich als abstrakte kognitive Konstrukte verstanden oder eben als Klicks mit der Maus am Monitor. Die Kluft zwischen E-Learning und Learning wird hier unmittelbar deutlich. Und eben auch der Grund, warum das E-Learning sich an der Basis der Bildungsinstitutionen nicht wirklich durchsetzen konnte.

Eine Reform des E-Learnings, bei der bestehende Konzepte des Blended Learning lediglich durch soziale Komponenten des Web 2.0 ergänzt werden, bringt vor diesem Hintergrund keinen wirklichen Fortschritt. Von einer Innovation ließe sich sprechen, wenn es gelänge, mit den nutzerzentrierten, sozial vernetzten Werkzeugen des Web 2.0 direkt an handlungsorientierte Unterrichtspraxis anzuknüpfen. Der Motor einer solchen Innovation wären dann die Lehrerinnen und Lehrer, die auf Grund ihrer praxisorientierten Ausbildung (Referendariat) umfassendes Knowhow bezüglich der Umsetzung handlungsorientierter Aktions- und Sozialformen mitbringen. Diese könnten nun mit Hilfe von Online-Werkzeugen, die hinsichtlich Funktionalität und didaktischer Passung gefiltert wurden, den Handlungs- und Aktionsraum ihrer Klientel über die Seminarraum-Grenzen hinaus erweitern. Lernende an anderen Orten könnten in lokale Lernprojekte integriert werden und umgekehrt. Kompetenzen einzelner – auch virtuell – Beteiligter könnten sich sach- und projektbezogen ergänzen.

Dies wäre eine – vermutlich disruptive – Innovation, weil die bisherigen Systeme des E-Learnings und ihre schwerfällige technologische Infrastruktur abgelöst würden durch ein allgemein-didakisch wohlbegründetes System, das Handlung und soziale Interaktion in den Mittelpunkt der Infrastrukturentwicklung von Bildungsinstitutionen setzen würde.

  • Dewey, J. (1993). Demokratie und Erziehung (Jürgen Oelkers, Ed.). Weinheim und Basel: Beltz.
  • Kerres, M. (2007). Mediendidaktik. In F. von Gross, & K. – U. Hugger (Eds.), Handbuch Medienpädagogik. Wiesbaden: VS Verlag.
  • Kerres, M. de W., C. (2002). Quo vadis Mediendidaktik? Zur theoretischen Fundierung von Mediendidaktik. MedienPädagogik, .
  • Klebl, M. (2006). Entgrenzung durch Medien: Internationalisierungsprozesse als Rahmenbedingung der Mediendidaktik. MedienPädagogik, . Retrieved February 26, 2009, from http://www.medienpaed.com/2006/klebl0607.pdf
  • Kron, F. W., & Sofos, A. (2003). Mediendidaktik (Vol. 2). München: Reinhardt.
  • Reich, K. (2006). Konstruktivistische Didaktik. Weinheim und Basel: Beltz.
  • Reinmann, G. (2006). Ist E-Learning eine pädagogische Innovation? In R. Arnold, & M. Lermen (Eds.), elearning-Didaktik (Vol. 48). Hohengehren: Schneider Verlag.
  • Schelhowe, H. (2006). Medienpädagogik und Informatik: Zur Notwendigkeit einer Neubestimmung der Rolle digitaler Medien in Bildungsprozessen. MedienPädagogik, . Retrieved February 26, 2009, from http://www.medienpaed.com/05-2/schelhowe05-2.pdf
  • Tulodziecki, G., & Herzig, B. (2004). Mediendidaktik: Medien in Lehr- und Lernprozessen. In Handbuch Medienpädagogik (Vol. 2). Stuttgart: Klett-Cotta.

6 Kommentare zu „Web 2.0 : E-Learning-Reform oder mediendidaktische Innovation ?“

  1. Mandy Schiefner sagt:

    Lieber Wolfgang

    Ich finde es spannend, wie oft gerade im Bildungsbereich der Begriff „Innovation“ bemüht wird und wie selten dieser (aus der Okonomie stammende) Begriff selbst auch reflektiert wird. Bei Wikipedia kann man lesen: „Nach Joseph Schumpeter (Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, 1911) ist Innovation die Durchsetzung einer technischen oder organisatorischen Neuerung im Produktionsprozess, nicht schon die entsprechende Erfindung.“
    Und genau diese Durchsetzung ist gerade im E-Learning, wie du so schön aufzeigst, noch nicht geschehen. Ebenso ist zu beobachten, dass Lehrpersonen beim Einsatz neuer Medien sich vor allem an bisherigen Lehr-Lernsettings orientieren und den „Mehrwert“ der Medien (der auch in einer Veränderung der Unterrichtskultur und -praxis) nur schwer erkennen und umsetzen. Bei sog. Innovationen im Bildungsbereich dauert eine wirkliche Durchdringung, d.h. auch eine Stil- und Kulturänderung eben nicht so einfach.
    Und von daher finde ich es problematisch, wenn Andrea Back diese Gegensatzpaare aufzeigt: Gegensätze machen die Welt einfach darstellbar, aber wir wissen alle: Die Welt ist nicht schwarz-weiss, sondern eher eine Facette von Grautönen. Und so wird es meiner Meinung nach in der Realität wird es nicht zu diesem Gegensatz kommen, es wird vermutlich eher ein Kontinuum vorherrschen. Soweit meine kleinen Gedanken zu deinem Blogposting.

    Liebe Grüsse nach Berlin
    Mandy

  2. Wolfgang Neuhaus sagt:

    Hallo Mandy,

    Du schreibst:
    „Ebenso ist zu beobachten, dass Lehrpersonen beim Einsatz neuer Medien sich vor allem an bisherigen Lehr-Lernsettings orientieren und den “Mehrwert” der Medien (der auch in einer Veränderung der Unterrichtskultur und -praxis) nur schwer erkennen und umsetzen.“ Das finde ich ist genau der Punkt. Die Frage ist nur welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Sollen wir als Medien-Experten mit immer lauterem Innovationsgeschrei die Lehrpersonen unter Druck setzen oder wäre es nicht sinnvoller einmal innezuhalten und uns wirklich nützlich zu machen? Das hieße eben doch an bisherigen Lehr-Lernsettings anzusetzen, deren Bedeutung für das Lernen meiner Ansicht nach zu unrecht unterschätzt wird. Meine These ist, dass wir Medienexperten sehr viel mehr auf die Erfahrungen der Lehrerinnen und Lehrer zurückgreifen sollten und uns bemühen sollten, sie in der Hinsicht zu unterstützen, dass wir den Medieneinsatz passgenauer auf ihre konkreten Bedingungen konzipieren und eben nicht nur als Überflieger auftreten, die lieber dem nächsten Hype nachrennen als sich an der konkreten Unterrichtspraxis die Finger schmutzig zu machen …

  3. N. Herrmann sagt:

    Aus dem Beitrag lese ich eine Hoffnung auf sinnvolle Anwendungen, die über das hinaus gehen, was im Moment eLearning ist. Muss dafür aktuelles eLearning verteufelt werden?
    Bei der Entscheidung für ein multimedial und e-kommunikativ unterstütztes Lernen sind in der heutigen atomisierten Web2.0-Welt Entscheidungen zu fällen. Welches Tool verwenden wir als innovative Lernende für welche Zielsetzung? Und jedes mal neu darüber entscheiden zu sollen, ohne vorher genau die Funktionalitäten zu kennen, könnte hemmend wirken. Vor dem Lernen sind die konkreten Bedürfnisse nicht immer zu nennen, insbesondere nicht, wenn es ein moderiertes und nicht ein instruktives Lernsetting ist.
    Hier hat auch ein monolithisches eLearning System einen Vorteil: Der Standard ist gesetzt, die Suchkosten fallen nicht an und man kann in Grenzen sofort loslegen.
    Also muss für eine optimistische Zukunft nicht unbedingt eine Disruption stattfinden. Die Öffnung der eLearning-Monolithen hin zur Integration von Widgets, Blocks oder wie die API-Ankopplungen auch heißen mögen, kann vielversprechend und suchkostenminimierend sein.
    Und gibt nicht bereits einige Ankopplungen?

  4. Wolfgang Neuhaus sagt:

    @N.Herrmann und @Mandy : wahrscheinlich habt ihr recht damit, dass ihr eher einen allmählichen, nicht-disruptiven Übergang vom e-Learning zum Web 2.0 seht. Technologisch gesehen sehe ich dennoch die Zukunft in Anwendungen, bei denen die Lernenden die Kontrolle über ihr Wissen, ihre Daten und ihre Vernetzungen haben und nicht die Institution. Und das bleibt eben das Problem der Learning-Management-Systeme. Für mich liegt die technologische Zukunft in Personal Learning Environments (PLE), die es möglich machen werden, alle meine Daten, Dokumente, Kurse, Arbeitsergebnisse, Links, Feeds, Communities sowohl lokal zu sichern als auch auf einem trusted Server im Web. Aber Disruption hin oder her, ob nun Web 2.0 oder semantisches Netz oder was auch immer die technologische Perspektive ist, für mich steht im Mittelpunkt einer Debatte um das mediengestützte Lernen das Grundverständnis davon, wie Menschen lernen. Effizientes Lernen heißt handlungsorientiert lernen, bedeutet Erfahrungen mit Lerngegenständen verarbeiten und austauschen, bedeutet Lernarrangements zu schaffen, die Lernende anregen, Wissen zu konstruieren und da liegt für mich das eigentliche Problem aktueller Einsatzszenarien, sie blenden meißt den realen, ausgesprochen komplexen Lernkontext der jeweiligen Zielgruppe aus und reduzieren den Lernprozess auf triviale Aktionen am Monitor. Innovativ in einem nicht-technologischen Sinne wäre für mich, wenn Lehrende sich als Künstler oder Komponisten verstehen würden, die didaktisch begründete pädagogische Umgebungen gestalten, in denen Lernende, da wo es Sinn macht ihr Wissen auch mit Medien konstruieren. Das Medium selbst, das Learning Management System oder das PLE sind nur Hilfsmittel. Den entscheidenden Einfluss auf den Lernprozess haben für mich immer die konkreten Handlungen und die sozialen Interaktionen, die die Lernenden vollziehen. … naja soweit erstmal

  5. itari sagt:

    Schöner Beitrag – gefällt mir.
    Mir ist auch bei allen E-Learing und sonstigen lehrstützenden Systemen immer aufgefallen, dass sie bereits vorhandene Lehr-Lern-Strukturen (Organisationsformen: Vorlesung, Projektarbeit, Tutorials, Tests usw.) und Lehr-Lern-Szenarien (Lehrer weiß – Schüler nicht, Lehrer stellt Fragen – Schüler antwortet, Lehrer steuert den Unterricht – Schüler folgt dem Unterricht) nur in eine andere mediale Form umsetzen ggf. optimieren. Ganz selten wird eine Analyse des bestehenden Unterrichts zum Anlass genommen, zu schauen, was es gar nicht gibt, aber man im Sinne eines optimalen Lernprozesses eigentlich haben müsste (und man sich auch schon abgewöhnt hat, darüber nachzudenken) – Beispiel: Auf eine Frage antworten alle 30 Schüler gleichzeitig und nicht nacheinander. Oder: Jeder Schüler macht im Unterricht was anderes, weil jeder einen eigenen Lehrplan hat. Wenn man solche Punkte nun in eine Web 2.0-Welt hineindenkt, dann sieht man, dass diese Grundvernachlässigungen des konventionelle Unterrichts endlich via Web 2.0-Tools realisierbar wären … Nur dazu müsste man halt alles mal auf den Kopf stellen und auch darüber nachdenken, ob man Lehrer, Schule, Zeugnisse usw. noch so braucht.

  6. Wolfgang Neuhaus sagt:

    Hallo Itari,

    hören sich echt spannend an, Deine Vorstellungen. Darüber nachzudenken, ob man Lehrer noch braucht, finde ich allerdings problematisch. Ich denke in allen Gesellschaften ist es so, dass die Erfahrenen den Unerfahrenen ihr Wissen weitergeben, um in der Gesellschaft agieren und sich weiterentwickeln zu können. Wenn wir diesen Prozess komplett sich selbst überlassen würden, dann bestünde eine erhebliche Gefahr, dass in unseren heutigen sehr unsolidarischen Zeiten die Schwächeren keine Chance mehr hätten, sich einzubringen. Hier sehe ich die wichtigste Funktion des institutionellen Lernens. Und darüber hinaus sind aus meiner Sicht Lehrer auch immer Lernende, die durchaus auch auf das Wissen ihrer Schüler zurückgreifen können und sollten. Naja , nur mal so dahingedacht …

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