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Archiv für die Kategorie „Hochschule“

Interaktive Praktikumsexperimente: Jetzt Online!

Freitag, 29. Januar 2010

ipe-app

Unser Projekt „Interaktive Praktikumsexperimente für eine familienfreundliche Hochschule“ nimmt langsam Formen an. Im Rahmen dieses Projektes haben wir zahlreiche Praktikumsexperimente aus Naturwissenschaftlichen Fächern virtuell und fotorealistisch nachgebildet (aktuell auf der Basis von Flash und Actionscript, in Zukunft auch als Iphone-App). Das Prinzip: Studierende können jedes Experiment, wann immer sie wollen – am Bildschirm oder sogar per „touch“ am Iphone – durchführen, Einstellungen vornehmen, Werte ablesen und das Experiment auswerten. Ideal als Vor- oder Nachbereitung der Praktika und als Training und Vorbereitung auf die Prüfung. Diese Experimente sind natürlich kein Ersatz für die Erfahrung am realen Experiment im Labor. Aber sie werden von den Studierenden als eine große Erleichterung wahrgenommen, weil die Praktikumsplätze häufig extrem überbucht sind und sie ein einzelnes Experiment in der Regel nur ein einziges mal während ihres gesamten Studiums real durchführen können. Die ersten Erhebungen unter Studierenden zeigen, dass dieses von Jürgen Kirstein in der AG Nordmeier entwickelte Konzept auf breite Zustimmung stößt. Ein nächster Schritt wird sein, alle Experimente auch als Iphone-Apps verfügbar zu machen. Unser erster im Iphone-Simulator getester Prototyp läuft unproblematisch. Sobald unsere Uni-Entwickler-Lizenzen für das Iphone eingetrudelt sind, stellen wir die oben gezeigte App über den Itunes-Store kostenlos zur Verfügung.

skizze

Auf der Projekt-Homepage finden sich weitere Infos zum Projekt-Kontext, zu unseren Produktionsverfahren, die auch von anderen Unis genutzt werden können, unseren aktuellen Kooperationspartnern aus Biologie, Chemie, Physik und Veterinärmedizin und einigen sofort online nutzbaren Beispielen. Für Nicht-Naturwissenschaftler stellen wir in Kürze auch noch Gebrauchsanleitungen ein, damit auch die einen Eindruck davon bekommen können, was wir hier eigentlich machen.

  • Projekt-Homepage
  • Dampfdruck-Experiment
    (Audio einschalten, um Druckpumpe und Kühlaggregat nach dem Einschalten zu hören)
  • Weitere Experimente

  • IT-gestützte Vermittlungskompetenz

    Donnerstag, 10. Dezember 2009

    Ich führe hier an der FU-Berlin in diesem Semester das zweite mal die Lehrveranstaltung „IT-gestützte Vermittlungskompetenz“ durch.

    Learners´ Garden - Online Community

    Rahmenbedingungen:
    Modul zur Informations- und Medienkompetenz für die Allgemeine Berufsvorbereitung (ABV), Blockveranstaltung im Blended Learning-Format, 5 Leistungspunkte, Zielgruppe. Studierende in den Naturwissenschaften, Teilnehmerzahl: 15

    Werkzeuge:
    Die Studierenden nutzen standardmäßig als persönliche Lernumgebung einen Blog, ein Social-Bookmarking-System, Skype und einen Feed-Reader. Die gemeinsam erarbeiteten Inhalte werden in unserem Lehrveranstaltungs-Wiki (http://wiki.mediendidaktik.org) zusammengeführt, das nur für die Teilnehmer sichtbar ist. Folgende Blogs werden von den Teilnehmern des laufenden Semesters geführt:

    http://shackelbusch.wordpress.com/
    http://mkozakowski.wordpress.com/
    http://jriemke.wordpress.com/
    http://reiske.wordpress.com/
    http://jleutzow.wordpress.com/
    http://dpussak.wordpress.com/
    http://julekrueger.wordpress.com/
    http://akamalakumar.wordpress.com/
    http://hhamouda.wordpress.com/
    http://itmazdak.wordpress.com/
    http://jklan.wordpress.com/
    http://aylos84.wordpress.com/
    http://aylos84.wordpress.com/
    http://mschemie.wordpress.com/
    http://mscchemie.wordpress.com/

    Die in der Veranstaltung zusammengestellten Tools werden von den Studierenden unter den Gesichtspunkten Usability und Nützlichkeit für den spezifischen Einsatz-Kontext untersucht und erprobt und mit Hilfe einer Lime-Survey-Umfrage bewertet: http://forschung.mediendidaktik.org/index.php

    Learners´Garden:
    Solche Tools, die sich nach Erprobung und Bewertung als nützlich erweisen, werden auf der öffentlich zugänglichen Learners´Garden-Plattform zugänglich gemacht und nutzerfreundlich dokumentiert (Steckbrief, Links, Erfahrungsberichte): http://www.learnersgarden.de. Einmal eingetragene Tools können auf Learners´Garden von der Community bewertet und kommentiert werden.

    Eine ausführliche Beschreibung unseres Veranstaltungskonzeptes findet sich im Tagungsband der letzten GMW-Jahrestagung oder hier: http://www.slideshare.net/wneuhaus/learners-garden

    Im Rahmen des Didaktik-Moduls der Lehramtsausbildung für Physik-Lehrer führe ich jedes zweite Semester eine Lehrveranstaltung zum Thema Lehr- und Lernmethoden durch, in der ich nach vergleichbarem Muster ein Veranstaltungs-Wiki einsetze.

    Schwierigkeiten/Widerstände:
    Die zentralen Angebote unserer Universität bezüglich Web 2.0 sind zu unflexibel und unausgereift. Wir haben gute Erfahrungen mit öffentlich und in der Regel kostenlos zugänglichen Lösungen im Bereich Web 2.0.

    Öffentliche Wissenschaft

    Mittwoch, 7. Oktober 2009

    Mein letzter Beitrag zur Auswertung der diesjährigen GMW-Tagung hat für eine nicht ganz unerhebliche Öffentlichkeit gesorgt. Die Diskussion in der Blogger-Community einiger Aspekte meiner Auswertung hat mir hilfreiche Hinweise geliefert zur Formulierung des Forschungsstandes meines Dissertationsvorhabens (Produktorientiertes Lernen mit webgestützten Werkzeugen).

    Foto: Mike Scoltock

    Insbesondere die Hinweise von Gabi Reinmann und Rolf Schulmeister haben mir die Notwendigkeit deutlich gemacht, meine Begriffe bei der Formulierung von Thesen und Sachverhalten zu schärfen und vor allem möglichst nicht verkürzt darzustellen. Zugegebenermaßen kann eine Überschrift mit dem Titel „Lernen als beobachtbare Verhaltensänderung“ leicht den Eindruck erwecken, als wollte ich dem Behaviorismus wieder zu neuem Glanz verhelfen. Dem ist natürlich keinesfalls so, wie Abonnenten meines Blogs vermutlich wissen. Natürlich werde ich in meiner Arbeit dem Begriff des Lernens ein eigenes Kapitel widmen. Eckpunkte werden hier sein: der reformpädagogische Ansatz John Deweys, die erkenntnistheoretischen Positionen von Watzlawick und Ernst von Glasersfeld (Konstruktivismus), entwicklungspsychologische Konzepte von Vygotskij und Piaget, kognitionspsychologische Ansätze von Bandura bis Gerhard Roth und neurobiologische Konzepte von Maturana, Varela und Kandel aber eben auch der Behaviorismus Skinners.

    Was aber in meinem Dissertationsvorhaben auch deutlich zu machen sein wird, ist, dass Lehrende in der Praxis vor der Situation stehen, verbindlich und verantwortungsvoll zu agieren. Studierende erwarten berechtigterweise nicht nur von ihren KommilitonInnen, sondern gerade auch von den Lehrenden Feedback bezüglich ihrer Lernfortschritte. Und dieses Feedback können wir nur auf Grundlage beobachteten Verhaltens oder daraus resultierender Produkte geben. Das bedeutet es genügt nicht, Lernen in der Theorie zu verstehen, wir müssen auch verstehen, was Lernen ganz praktisch bedeutet. Und deshalb ist es für jeden Lernenden aber in besonderem Maße auch für jeden Lehrenden erfoderlich das komplexe wissenschaftliche Wissen bezüglich der unterschiedlichen Lerntheorien herunterzubrechen auf das konkrete Handeln im Unterricht. Die Vorstellungen vom Lernen, die Lehrende im Hinterkopf haben, haben einen wesentlichen Einfluss auf die Interpretation ihrer jeweiligen Praxis. Hierzu hat David Kember 1997 recht spannende Untersuchungen vorgelegt: „A Reconceptualisation of the Research into University Academics´Conceptions of Teaching„. Und da sind wir dann wieder bei der offensichtlich so ungeliebten Didaktik, als wesentlichem Ort einer Theorie-Praxisreflexion. Wichtige Eckpunkte der Didaktik wären für mich Klafkis Bildungstheoretische Konzepte, das Berliner Modell von Heimann/Otto/Schulz, die Konstruktivistische Didaktik von Kersten Reich, die ja stark an reformpädagogischen Konzepten John Deweys orientiert ist, der Community of Practice – Ansatz von Etienne Wenger und die aktuellen Impulse aus den Fachdidaktiken zum Aufbau einer Vermittlungswissenschaft.

    Die Perspektive der Lernenden
    Ziel und Ausgangspunkt meines Vorhabens ist es letztendlich, die Perspektive der Lernenden in den Mittelpunkt einer zukünftigen Mediendidaktik zu stellen und damit einen Diskurs anzuregen, der Wege aufzeigen kann, die Mediendidaktik wieder pädagogisch zu fundieren. Auf der Strecke bleibt bei dieser Diskussion vermutlich der E-Learning-Begriff (wie es sich ja bereits in den aktuellen Diskussionen rund um die GMW-2009 andeutet), da dieser in seinen vielfältigen Ausprägungen eher für eine technologische Verengung des Lernens steht.

    Weiterhin zu klären bleiben noch der Kompetenzbegriff, worauf mich auch Gabi Reinmann hingewiesen hat und der Begriff der Medienkompetenz, der ja in seiner klassischen Form die Bedeutung der Werkzeugcharaktere des Computers nicht berücksichtigt.

    So betreibe ich hier ein öffentliches Nachdenken über meine wissenschaftliche Arbeit, womit ich wie man gesehen hat, mich auch angreifbar mache. Meine bisherige Erfahrung mit dieser Art des Forschens ist dennoch durchweg positiv, da ich bereits im Entstehungsprozess der Arbeit wirklich reichhaltige und spezifische Kontakte, Hinweise, Links und Dokumente erhalte, auf die ich bei der Ausarbeitung im stillen Kämmerlein möglicherweise nicht gestoßen wäre. Natürlich stelle ich meine Funde und Entdeckungen im Zuge dieser Recherche auch öffentlich zur Verfügung, soweit dies rechtlich möglich ist. Auf meine Volltext-Sammlung zur Mediendidaktik lässt sich hier jederzeit zugreifen: Volltextsammlung Mediendidaktik.

    Insofern bedanke ich mich hiermit schon mal bei meinen Kritikern aber vor allem auch bei denen, die mir bisher so viel positives Feedback gegeben haben. Ich bin gespannt auf den weiteren Diskurs.

    Eine Renaissance der Hochschuldidaktik ? GMW 2009

    Sonntag, 27. September 2009

    Nachdem sich die ersten Wogen der GMW – Jahrestagung 2009 etwas geglättet haben und die hervorragende Tagungsorganisation durch Nicolas Apostolopoulos und sein Team für eine vielfältige Diskussion der Ergebnisse im Internet gesorgt hat, sollen hier – vor dem Hintergrund der verschiedenen online verfügbaren Tagungsrückblicke – Perspektiven herausgearbeitet werden, die aus meiner Sicht das mediengestützte Lernen an unseren Universitäten in Zukunft prägen könnten.


    1. E-Learning am Scheideweg?

    Viele Aspekte wurden bereits in den einschlägigen Blogs unseres Arbeitsfelds diskutiert (eine ausführliche Link-Liste findet sich am Ende des Beitrags). Twitter ist plötzlich in aller Munde, nützlich im Alltag, bei BarCamps und zur Organisation von Flashmobs und Tagungen. Für das mediengestützte Lernen hat Twitter aus meiner Sicht nur begrenzte Bedeutung. Die spannendste Diskussion zur GMW-Tagung wurde für mich durch Gudrun Bachmann und KollegInnen entfacht, die sich mit ihrem Tagungsbeitrag für die Abschaffung des E-Learning-Begriffs einsetzten. Die ReferentInnen berichteten von den guten Erfahrungen mit der Implementation von „E-Learning-freien“ Lernarrangements an den Instituten der Universität Basel, in denen statt dessen die „Neuen Medien“ ganz pragmatisch und kontextspezifisch eingesetzt wurden. Diese Erfahrungen kann ich aus meiner Zeit als E-Learning Berater an der Freien Universität Berlin voll und ganz bestätigen. Da wo wir uns nützlich machten, indem wir für ein spezifisches Anliegen das passende Medienangebot bereitstellten, wurde dieses von Lehrenden dankbar aufgenommen. Nur da, wo das bolidenhafte Learning Management System (bei uns: Blackboard) als Allheilmittel für alle didaktischen Anliegen „promoted“ wurde, stießen wir – berechtigterweise – auf zähen Widerstand der Lehrenden, die das LMS bestenfalls als – bereits viel zitierte – „PDF-Schleuder“ nutzten. Gabi Reinmann fragt sich in ihrem Blog – bezugnehmend auf die von den Baseler KollegInnen vorgetragene Position, ob das E-Learning an einem Scheidepunkt angekommen sei. Sie plädiert dennoch ausdrücklich dafür, am E-Learning-Begriff festzuhalten, weil sie den Begriff des Lernens – hinsichtlich seiner Interpretation durch Lehrende – für genauso unspräzise hält wie den Begriff des E-Learnings. Mir geht es an diesem Punkt ganz eindeutig anders.


    2. Lernen als beobachtbare Verhaltensänderung

    Bereits seit der Einführung des E-Learning-Begriffs Ende der Neunziger Jahre ist er mir suspekt. Der Begriff der E-Mail dagegen war mir z.B. schon immer plausibel, weil mit dem „E“ das elektronische Pendant des herkömmlichen Briefs bezeichnet wird. Nur was wäre ein elektronisches Pendant zum Lernen? Der Prozess, der in einem mit dem Computer verdrahteten Gehirn abläuft? Das wäre sicher eine gute SciFi-Karikatur, aber mit der Realität hat das wenig zu tun. Für das menschliche Lernen gibt es keine digitale Alternative. Lernen ist unter psychologischer Perspektive – quer zu den unterschiedlichen Lerntheorien – ein wohl definierter und in der Fachwelt respektierter Begriff. Egal ob er aus behavioristischer, kognitivistischer oder erkenntnistheoretischer Perspektive interpretiert wird. Mit Lernen bezeichnen wir immer eine Verhaltensänderung des Menschen. Und genau diese, durch Beobachtung überprüfbare Verhaltensänderung, macht den Begriff des Lernens so wertvoll. Denn im Gegensatz zum eher prekären Begriff des Wissens, der ja immer etwas virtuelles bezeichnet, sind Verhaltensänderungen von den Lernenden selbst, wie auch von den Lehrenden, beobachtbar. Erst diese Möglichkeit, solche Prozesse beobachten zu können, eröffnet uns die Möglichkeit, Kompetenzen zu beschreiben und in der Unterrichtssituation mit diesen Kompetenzen umzugehen. Aus diesem Grunde ist und bleibt für mich der Begriff des Lernens der zentrale Begriff, wenn es darum geht, Vermittlungsprozesse in Schule und Hochschule anzuregen, zu organisieren und zu erforschen.

    Ein weiterer recht breiter Konsens, der in der psychologischen Forschung bezüglich des Lernens anzutreffen ist, ist der, dass es prinzipiell nicht möglich ist, (Erfahrungs-) Wissen von einem Gehirn in ein anderes zu transferieren, wie man das z.B. von einem Upload am Computer kennt. Vielmehr ist immer ein Medium erforderlich, mit dem die das Wissen konstituierenden Informationen dargestellt werden können, um dann vom Gegenüber verarbeitet, behandelt, verstanden, akkommodiert, oder in ein mentales Modell übernommen werden zu können. Das bedeutet: Lernen ohne Medien ist prinzipiell nicht möglich.


    3. E-Learning unterfordert Lernende

    Damit wird klar: der Ruf nach Abschaffung des E-Learnings kann kein Ruf nach Abschaffung der Medien sein. Im Gegenteil: Es ist ein Ruf nach Befreiung aus dem engen Korsett technologisch interpretierter Bildungsmaßnahmen. E-Learning unterfordert die Lernenden, weil mit strukturgebenden digitalen Lernumgebungen herkömmlicher Art (Learning Management Systeme, Web Based Trainings, Testumgebungen, 3D-Welten) nur ein geringer Bruchteil menschlicher Handlungs- und Interaktionsmöglichkeiten angesprochen wird. Die Komplexität des menschlichen Gehirns erfordert offene, flexible und anregende Lernumgebungen. Gemeint sind damit Räume, Menschen, Objekte, Orte im realen wie im virtuellen Raum, die sich nicht auf das Geschehen an einem Computer-Monitor einengen lassen. Lernende und Lehrende sollten in Zukunft von Fall zu Fall entscheiden können, welche Medien für einen bestimmten Erarbeitungs- oder Kommunikationsprozess am besten geeignet sind. Es spricht nichts prinzipiell gegen Tafel und Kreide aber auch nichts gegen das Mobil-Telefon oder den Computer. Wir brauchen die Medien! Und: jede Zeit nutzt die Medien, die ihr zur Verfügung stehen. In unserer Zeit sind dies eben a u c h ! der Computer und die vielen Web 2.0 – Werkzeuge. Dabei sollten wir die Bedeutung dieser Werkzeuge für das Lernen in Schule und Hochschule nicht überbewerten und mystifizieren, wie das gerne von den Vertretern einer angeblichen Generation „Digital Natives“ getan wird. Rolf Schulmeister belegte empirisch in seinem Beitrag zur GMW-Tagung, dass die heutigen Studierenden eher pragmatisch mit den ihnen zur Verfügung stehenden Online-Tools umgehen (Schulmeister, 2009, S. 129-140).


    4. Verortung einer Neuen Mediendidaktik

    Natürlich ist der Streit um Begriffe nur ein Nebenkriegsschauplatz. Im Grunde geht es eben nicht nur um die Abschaffung des E-Learning-Begriffs sondern vielmehr um eine notwendige Fokussierung auf das Lernen an sich. Es geht darum, den durch das E-Learning ins Stocken geratenen Entwicklungsfluss medienpädagogischer Innovationen wieder in Gang zu setzen. Die immer wieder vollmundig versprochenen Revolutionen des Lernens durch den Computer haben bis heute nicht stattgefunden. Nicht etwa, weil die Lehrer an den Schulen und Hochschulen nicht fortschrittlich genug wären, sondern vielmehr weil viele von ihnen berechtigte Zweifel daran haben, der Verantwortung gegenüber den ihnen anvertrauten Lernenden gerecht werden zu können, wenn sie die nach wie vor zu umständlichen E-Learning-Lösungen (siehe z.B. LMS wie Blackboard oder Moodle) einsetzen.

    Mediengestütztes Lernen braucht eine professionelle pädagogische Einbettung, die sicherstellt, dass die Perspektive der Lernenden im Zentrum aller planerischen Aktivitäten im Bildungskontext stehen. Die interdisziplinär zusammengesetzte E-Learning-Gemeinde und zum Teil auch die Mediendidaktik hat diese klare Orientierung weitgehend aus den Augen verloren. Deshalb schließe ich mich der Auffassung Michael Klebels an, der in einem Artikel zur „Entgrenzung durch Medien“ die Notwendigkeit beschreibt, die Mediendidaktik als wissenschaftliche Disziplin (in Abgrenzung zum „Instructional Design“) zukünftig in der Allgemeinen Didaktik zu verorten (Klebl, 2006, S.15). Es ließe sich hier gut anknüpfen an Überlegungen, die Michael Kerres und Claudia de Witt bereits im Jahr 2002 veröffentlicht haben. Mit dem Artikel „Mediendidaktik quo vadis?“ wiesen sie insbesondere auf die reformpädagogischen Ansätze John Deweys hin (Kerres&DeWitt, 2002, S. 1-22), die aus meiner sicht für die Allgemeine Didaktik nach wie vor von großer Bedeutung sind. Ein konstruktiver Diskurs zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu diesen Fragen ist überfällig. Möglicherweise könnte auch die Debatte in den Fachdidaktiken zum Aufbau einer Vermittlungswissenschaft hilfreiche Impulse geben (Welbers, 2003).


    5. Klotz am Bein: die klassische E-Learning-Industrie

    Hierbei erweist sich allerdings die klassische E-Learning-Industrie als deutlicher Klotz am Bein, wie man im Ausstellungsbereich der GMW-Tagung feststellen konnte. In Bezug auf die komplexen Zusammenhänge menschlichen Lernens stößt man hier häufig auf eklatante Wissenslücken, die sich leider auch in den von ihnen angepriesenen E-Learning-Produkten widerspiegeln. Mit den drastisch sinkenden Besucherzahlen auf den Branchen-Treffs (z.B. Learntec) stehen diese Unternehmen deutlich unter Druck, da sie nicht flexibel genug auf die durch den Web 2.0 Hype angestoßenen Impulse für ein soziales, demokratisches Lernen reagieren können. Ihre bolidenhaften Systeme sind meist zu komplex, zu hierarchisch strukturiert und zu schwerfällig, um in der alltäglichen pädagogischen Praxis eine zentrale Bedeutung einnehmen zu können. Andrea Back beschreibt diese Situation in ihrem Blog als eine durch das Web 2.0 hervorgerufene „disruptive Innovation“ (Back, 2009).


    6. Projektarbeit und inneruniversitäre Partnerschaften

    Unabhängig vom dringend zu führenden Diskurs über die pädagogische Verankerung des mediengestützten Lernens gibt es bereits an einigen Hochschulen Intiativen, die in eine neue Richtung weisen. Das Augsburger Begleitstudium zum Beispiel, das auf der GMW-Tagung vorgestellt wurde, ist ein wunderbares Exempel dafür, wie anspruchsvolle Projektarbeit an unseren Hochschulen initiiert und begleitet und damit die Kompetenzentwicklung der Studierenden vorangebracht werden kann. Hier steht ganz offensichtlich die Perspektive der Lernenden im Mittelpunkt. Medien werden zweckgebunden und spezifisch dort eingesetzt, wo sie eine klare didaktische Funktion erfüllen. Der E-Learning-Begriff wäre hier im Grunde überflüssig. Die Projektmethode im Sinne des reformpädagischen Ansatzes John Deweys, der Communities of Practice Ansatz von Etienne Wenger kombiniert mit innovativen Konzepten des Medieneinsatzes würden hier genügen, um dieses Vorhaben erschöpfend zu beschreiben. Für mich war die Präsentation dieses Projektes der Höhepunkt der diesjährigen GMW-Tagung und ein möglicher Ausblick auf eine innovative Zukunft der Hochschullehre. So sah das offensichtlich auch die Mehrheit des GMW-Publikums, das dem Projekt den Publikumspreis des Medida-Prix verlieh. Die Jury des Medida-Prix sah das jedoch anders. Gewinner des eigentlichen Medida-Prix 2009 waren zwei eher klassische E-Learning-Projekte, denen der Preis natürlich zu gönnen ist. Aber die Chance mit dem Preis auch innovationsfördernd und richtungsweisend zu wirken, wurde leider verpasst.


    7. Ein Riss durch die Community

    Michael Kerres stellte sich in seinem Blog unmittelbar nach der Tagung die Frage, ob unter den Teilnehmern ein Bruch sichtbar wird, etwa zwischen der jüngeren und der älteren Generation unseres Arbeitsfeldes. Auch für mich ist ein gewisser Riss wahrnembar, aber aus meiner Sicht zieht er sich eher entlang der Frage, ob Lehren und Lernen aus der technologischen Perspektive betrachtet wird oder aus der pädagogischen. Und hier wurde für mich tatsächlich ein Trend erkennbar: Technologische Fragestellungen sind gegenüber pädagogischen deutlich in den Hintergrund gerückt und aus meiner Sicht geht tatsächlich auch die jüngere Generation entspannter mit dem Begriff Pädagogik um als die Ältere.

    Spätestens während der hochkarätig besetzten, abschließenden Podiumsdiskussion der Tagung wurde der Riss spürbar. Eine Diskussion mit dem Publikum gab es leider nicht und auch die aktive Twitter-Community konnte dieses Manko nicht wirklich Wett machen.

    Eine treffende Dokumentation der aufgeworfenen Fragen hat Gabi Reinmann in ihrem Blog veröffentlicht. Das einzige Schlagwort der Diskussion, das mir in Erinnerung bleibt ist das „Semantische Web“, dem offensichtlich eine große Zukunft im Kontext des E-Learnings vorausgesagt wird. Warum, ist mir wirklich schleierhaft, denn das Semantische Web liefert doch im besten Fall eine bessere Suchfunktion und eine optimierte Kommunikation zwischen Maschinen. Alles Faktoren, die mit den konkreten Verhaltensänderungen und den Kompetenzen der Lernenden recht wenig zu tun haben. Da kommt einem die grandiose Frage von Joachim Hasebrook in den Sinn: „Brauchen Computer zum Lernen eigentlich noch Menschen?“ (Hasebrook, 2009)


    8. Ausblick

    Hoffnungsvoll gestimmt hat mich – nicht zuletzt – die Reaktion auf unseren eher pragmatischen Vorschlag zur Bereitstellung von Open Educational Ressources im Community-Verbund von Hochschulen und Individuen im Rahmen des Learners´ Garden Projektes. Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter von Universitäten und Bildungsinstitutionen im deutschsprachigen Raum konnten als Kooperationspartner gewonnen werden. Eines von vielen Indizien, dass wir hier tatsächlich gerade einen Wandel erleben. Kompetetenzorientiertes Begleitstudium in Augsburg, mediengestütztes Lernen in Basel, Lernen durch Lehren in Ludwigsburg, produktorientiertes Lernen im Learners´Garden, allerorten EduCamps: Ilmenau, Berlin, Hamburg, Graz … Stehen wir vor einer Renaissance der Hochschuldidaktik? Die Zukunft wird es zeigen.

    Spannende Zeiten …


    Literatur

  • Back, A. (2009). Disruptiv Innovieren in E-Learning und Kommunikation. Retrieved September 26, 2009, from: http://www.business20.ch/2009/01/20/disruptiv-innovieren-in-e-learning-und-kommunikation/
  • Hasebrook, J. (2009). Zukunft des E-Learning: Brauchen Computer zum Lernen noch Menschen? Retrieved September 26, 2009, from: http://www.equalification.info/_media/Hasebrook_Zukunft_E-Learning.pdf
  • Kerres, M. de W., C. (2002). Quo vadis Mediendidaktik? Zur theoretischen Fundierung von Mediendidaktik. MedienPädagogik.
  • Klebl, M. (2006). Entgrenzung durch Medien: Internationalisierungsprozesse als Rahmenbedingung der Mediendidaktik. MedienPädagogik. Retrieved September 26, 2009, from http://www.medienpaed.com/2006/klebl0607.pdf
  • Schulmeister, R. (2009). Studierende, Internet, E-Learning und Web 2.0. In N. Apostolopoulos, H. Hoffmann, V. Mansmann, & A. Schwill (Eds.), E-Learning 2009 – Lernen im digitalen Zeitalter (pp. 129–140). Münster/New York/München/Berlin: Waxmann.
  • Welbers, U. (2003). Vermittlungswissenschaften – Wissenschaftsverständnis und Curriculumsentwicklung. Düsseldorf: Grupello.
  • Blogbeiträge zur Jahrestagung der GMW 2009: Kerstin Mayrberger, Joachim Wedekind, Marcel Kirchner, Michael Kerres, Nadine Kämper, Christian Spannagel, Ilona Buchem, Carola Brunnbauer, Mandy Schiefner, Gabi Reinmann, Tagungsblog der GMW

    PDF-Version dieses Beitrags: Tagungsrückblick zur Jahrestagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) 2009

    Tagungsband der GMW 2009: E-Learning 2009 – Lernen im digitalen Zeitalter

    Medien in der Wissenschaft Band 50: E-Learning: Eine Zwischenbilanz – Kritischer Rückblick als Basis eines Aufbruchs

    GMW 2009 – Workshop: Interaktive Praktikumsexperimente für die Hochschullehre

    Montag, 31. August 2009

    Kurze Info für alle, die schon zur Pre-Conference der diesjährigen GMW-Tagung kommen oder im Rahmen der DeLFI-Tagung vor Ort in Berlin sind: Wir bieten am 14.9.2009 einen Workshop für Lehrende in unseren Produktionslaboren an: Interaktive Praktikumsexperimente für die Hochschullehre. Alle Aspekte von der digitalen Aufnahme im digitalen Fotolabor bis zur Programmierung in Actionscript/Flash werden praxisnah vermittelt, für je zwei Teilnehmer steht ein Mac-Arbeitsplatz zur Verfügung. Betreut wird der Workshop von Jürgen Kirstein, der die IBE´s (Interaktive Bildschirmexperimente) seit über zehn Jahren entwickelt, meiner Wenigkeit und unseren IBE-Tutoren. Abschließend gibt es einen Überblick über die Produktionen, die wir aktuell für die Fachbereiche Biologie, Chemie, Veterinärmedizin und Physik produziert haben.

    Detailinformationen zum Workshop und zur Anmeldung finden sich hier: Tutorial: Interakive Praktikumsexperimente für die Hochschullehre

    Hintergrundinfos zu unserem Arbeitsansatz im Bereich Physik: http://didaktik.physik.fu-berlin.de/projekte/ibe/beispiele/index.html

    Die Teilnehmerzahl im Workshop ist begrenzt auf 12 Teilnehmer. Bei Interesse also bitte rechtzeitig anmelden!

    Anmeldung: GMW-ConfTool