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Archiv für die Kategorie „Lernen“

Didaktisches Design und die Transformation von Wissen im digitalen Zeitalter

Mittwoch, 20. Juni 2012

Es ist vollbracht: der – im Community-Review-Verfahren, sowie vor Ort in der Ringvorlesung in Köln – diskutierte und überarbeitete Text zum Didaktischen Design liegt jetzt als zitierfähiger Volltext vor und steht zum Download bereit. Ich möchte mich hiermit nochmal herzlich bedanken, bei allen 18 Reviewern und den TeilnehmerInnen vor Ort in Köln und Magdeburg, die mich mit absolut hilfreichen Hinweisen und weiterführenden Literaturempfehlungen versorgt haben.

Bei der Überarbeitung des Textes habe ich mich bemüht, alle diskutierten Fragen zu berücksichtigen, soweit sie dazu beitrugen, die Argumentationslinie des Textes schärfer zu konturieren. Einige Punkte, für deren (Re-)Formulierung ich mir teilweise auch die diskutierten Originaltexte besorgt habe, möchte ich hier kurz hervorheben, um deutlich zu machen, wo die entscheidenden Änderungen und Ergänzungen am Text durchgeführt wurden.

Innovation

Martin Lindner und Norbert haben zu recht deutlich gemacht, dass der Begriff Innovation geklärt sein sollte, bevor er zur Definition des Bildungsbegriffs herangezogen werden kann. Entsprechend habe ich einen Abschnitt zum Thema Innovation eingefügt, der sich vor allem auf den Artikel „Die Innovationen der Gesellschaft“ von Werner Rammert stützt. Rammert führt hier aus, warum der klassische, ökonomische Innovationsbegriff dem gesellschaftlichen Wandel nicht mehr gerecht wird und präsentiert eine vorläufige umfassendere Definition von Innovation, die soziale und kulturelle Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklung mit einschließt.

Beschleunigung

Christoph Schmieding hat – unter Berufung auf Vera King und Hartmut Rosa – darauf hingewiesen, dass, Bildung als permanente Innovation aufzufassen, problematisch sei, wenn man Kings Einschätzung teilt, dass sich durch zunehmende Beschleunigungen in den Generationenbeziehungen die kollektiven Rhythmen des sozialen Lebens weitgehend auflösen. Ich habe im überarbeiteten Text versucht, Vera Kings und Hartmut Rosas Argumentation nachzuzeichnen und dieser die Einschätzung von Hartmut Böhme entgegengesetzt, der aus kulturwissenschaftlicher Perspektive erklärt, dass gesellschaftliche Umbrüche schon immer als Beschleunigung erfahren wurden und dass der Mensch evolutionsgeschichtlich über erhebliche Anpassungsfähigkeiten verfügt.

Bildung

Bezüglich des Bildungsbegriffs haben Matthias Andrasch und Martin Lindner auf den strukturalen Bildungsbegriff von Jörissen/Marotzki hingewiesen. Stefan Iske hat darüber hinaus auf die transformatorische Bildungstheorie von Hans-Christoph Koller aufmerksam gemacht, die für mich eine spannende Neuentdeckung war. Beide Ansätze habe ich in einem zusätzlichen Absatz kurz erläutert und zur von mir vorgeschlagenen Definition in Beziehung gesetzt. Klaus Meschede plädierte dafür, ganz auf die Begrifflichkeiten Bildung und Innovation zu verzichten, diesem Vorschlag bin ich nicht gefolgt. Hier die Online-Diskussion dazu: #comment-67

Didaktik

Das Theorie-Praxis-Problem der Didaktik habe ich etwas ausführlicher herausgearbeitet, indem ich mit Dewey und Hetzel pragmatistisch argumentiere, dass wissenschaftliche Theorie nur eine besondere Form der Praxis ist. Der Praxisbegriff bei Dewey wird kurz erläutert und von Habermas´s Theorie kommunikativen Handelns – auf die Frieder(IttnerFA) in der Online-Diskussion hingewiesen hatte – abgegrenzt. Die strukturalen Aspekte von Bildung und Didaktik, auf die Stefan Iske mehrfach hingewiesen hat, sind aus meiner Sicht mögliche, aber nicht zwingende, Analysemöglichkeiten, die den Disput zwischen Lehr-Lernforschung und Allgemeiner Didaktik nicht wirklich auflösen.

Design

Wenn wir von Didaktischem Design reden, müssen wir natürlich auch den Design-Begriff klären, worauf Martin Lindner aufmerksam gemacht hat. Aus Zeitgründen und weil die Beschreibung für meine Argumentationslinie sehr treffend ist, habe ich hier einfach aus dem Wikipedia-Artikel zum Thema Design zitiert. Zudem habe ich diesen Abschnitt um Flechsigs Definition des Didaktischen Designs ergänzt.

Komposition

Zum Schlagwort »Komposition« hat Stefan Iske ein schönes Zitat von Nam June Paik beigetragen, dass zwar nicht Eingang in den Text gefunden hat, aber weil es so schön ist, soll es hier nochmal vorgetragen werden: “Es ist nicht das Wichtigste, neue Dinge zu entdecken, es ist das Wichtigste, neue Beziehungen zwischen existierenden Dingen herzustellen.”

Output-Orientierung

Das Thema Output-Orientierung (Bildungsstandards, Zensuren, etc.) habe ich im Text nicht weiter vertieft, weil da so viele Argumente auszutauschen wären, dass es schwer würde, eine transparente Argumentationslinie aufrecht zu erhalten. Vielleicht ist das ja ein Thema für eine spätere Publikation. Hier stattdessen der Link zur Online-Diskussion zu diesem Thema: #comment-40

Lebenslänglich

Zum Schluss noch ein paar Sätze von mir und Nicole D. dazu, warum ich den von Martin Lindner in Erinnerung gebrachten Begriff „Lebenslanges Lernen“ so ungerne benutze: #comment-24

Flechsig

Absolut spannend war für mich im Nachgespräch zum Vortrag, was Stefan Iske über Karl-Heinz Flechsig berichtete, den er noch persönlich an der Hochschule kennenlernen konnte: Flechsig hat sich wohl mehrfach empört darüber geäußert, dass sein in der Didaktik entwickelter Begriff des »Didaktischen Designs« von Vertretern der Instruktionspsychologie gekapert und uminterpretiert wurde. Vielleicht kann der hier vorliegende Artikel einen Beitrag dazu leisten, »Didaktisches Design« wieder zurück zu erobern und für die Lehrerbildung fruchtbar zu machen … Ich bin gespannt auf die weitere Diskussion.

Der Artikel auf Crocodoc:

Zitationsweise:
Neuhaus,W. (2012). Didaktisches Design und die Transformation von Wissen im digitalen Zeitalter. Blog Mediendidaktik. Retrieved June 18, 2012, from https://mediendidaktik.org/docs/didaktisches-design-neuhaus.pdf

  • Download des Artikels über mediendidaktik.org
  • Der Foliensatz zum Vortrag:

    Köln, 16.5.2012
    Ringvorlesung: Transformationsprozesse der Didaktik – Lehren und Lernen im medialen Wandel, Uni Köln

    Labor für selbstbestimmte Bildung

    Freitag, 10. Juni 2011

    Vom 21. bis 23. Juni 2011 führt die Berliner Gazette im Künstlerhaus Bethanien in Berlin ein Labor für selbstbestimmte Bildung durch. Es richtet sich an Kulturschaffende, soziale Entrepreneure und Pädagogen, die neue Impulse in diesem Feld suchen. Dienstag den 21. Juni, 19.00 Uhr gibt es das „Public Opening“ mit einem Lecture Concert der Künstlerguppe andcompany&Co und der Vorstellung des in diesem Zusammenhang erschienenen Buches „Modell Autodidakt“. Zu diesem Buch konnte ich einen Artikel beitragen, der bereits vor einiger Zeit als Blogbeitrag in der Berliner Gazette erschienen ist: „Tschüss E-Learning, Hallo Community-Education“

    Am Labor für selbstbestimmte Bildung bin ich mit einem Workshop zum Thema „Medienkompetenz heute“ beteiligt. Als Einstieg dient der hier verlinkte Foliensatz „Medium und Bildung“, sowie ein „adhoc-lab“ auf der Learners´Garden Plattform, in dem die Teilnehmenden bei Bedarf Online-Medien nutzen können, um ihre Ideen und Visionen zu erproben.

  • Adhoc-Lab
  • Learners´Garden
  • Buch: Modell Autodidakt
  • Labor für selbstbestimmte Bildung
  • Artikel: Tschüss E-Learning, Hallo Community-Education
  • Rückblick von David Pachali auf den Workshop
  • Musikunterricht mit Smartphones und Tablets

    Donnerstag, 26. Mai 2011

    Ein spannendes Lernszenario erprobt derzeit Matthias Krebs in einer Berliner Schulklasse. Schülerinnen und Schüler komponieren und musizieren mit mobilen Endgeräten.

    Diese Aktivität stellt nur einen kleinen Ausschnitt der Aktivitäten dar, die Matthias Krebs hinsichtlich des Einsatzes mobiler Engeräte wie Iphone, Ipads und Co. im Kontext von Schule, Hochschule und Musik-Business unternimmt. Hier einige Links zu weiteren Projekten:

  • Youtube-Kanal: Mobile Endgeräte im Musikunterricht
  • Blog: Musik machen mit mobilen Endgeräten
  • Netzmusik: Musikalische Online-Anwendungen
  • Forschendes Lernen mit Kaleidoloop

    Montag, 25. April 2011

    Der Bayerische Rundfunk berichtet hier über ein schönes Audio- und Sampling-Tool mit dem wir musikalische Strukturen anhand von Klängen unserer Umwelt erkunden und gestalten können. Bands in Brooklyn setzen das Instrument des kreativen Instrumenten-Herstellers Critter und Guitari bereits vielfach ein.

    Ein schönes Tool für Soundsearching-Aktivitäten im Rahmen des World Tune Projektes, bestimmt auch gut einsetzbar im Musik-Unterricht.

    Warum wir kooperieren …

    Donnerstag, 28. Oktober 2010

    Für die Praxis von Lehr-Lernsituationen ist es bedeutsam, mit welchem Menschenbild wir als Lehrende auf unsere Zielgruppe zugehen, mit ihr interagieren. Ein neues, sehr freundliches und überzeugendes Menschenbild zeichnet Michael Tomasello mit seinen in der Didaktik bisher kaum beachteten anthropologischen Untersuchungen.

    »Why we cooperate« bei Google Books

    Menschen sind biologisch darauf ausgerichtet, in einem kulturellen Kontext heranzuwachsen. Um die biologische und kulturelle Evolution des Menschen zu erklären und um die Frage zu beantworten, warum einjährige Kinder – durch zahlreiche Studien belegt – anderen uneigennützig helfen, schlägt Michael Tomasello vor, eine angeborene „geteilte Intentionalität“ (shared intentionality) beim Menschen anzunehmen. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat kürzlich in seiner Reihe Boston Review ein Buch von Tomasello herausgegeben, in dem er seine Thesen anschaulich belegt, der Titel: „Why we cooperate“.

    „Meine Hypothese lautet, daß die heute bei Kindern sichtbaren Kooperationsformen zu einem großen Teil die frühesten kollektiven Aktivitäten der Menschheitsgeschichte reflektieren“ (Tomasello 2010, S. 65) schreibt er in der beim Suhrkamp Verlag erschienen deutschen Übersetzung des Buches. „Am Anfang schaut ein Kind passiv zu, wie ein Erwachsener Zeitschriften in einen Schrank räumt. In der zweiten Runde kann der Erwachsene die Schranktür nicht öffnen, da er einen Stapel Zeitschriften in den Händen hält, und das Kind hilft ihm [unaufgefordert], die Tür zu öffnen. Nachdem das Kind den Ablauf verstanden hat, antizipiert es in der dritten Runde bereits den weiteren Verlauf und öffnet die Schranktür im voraus – wodurch das Wegräumen der Zeitschriften zu einer gemeinsamen Aktivität wird. In einigen Fällen weist das Kind den Erwachsenen sogar auf die Stelle hin, an der er die Zeitschriften bringen soll (indem es darauf zeigt). Im Laufe dieser drei Handlungsstufen entwickeln Kind und Erwachsener gemeinsame Erwartungen an das Verhalten des anderen. Letztlich beginnt das Kind sogar, die Handlung zu strukturieren und dem Erwachsenen mitzuteilen, daß »die Zeitschriften dorthin gehören«, was bedeutet, daß in dieser Aktivität bestimmte Tätigkeiten normativen Anforderungen genügen müssen. Für unsere entwicklungsgeschichtliche Perspektive ist es bemerkenswert, daß diese Kinder erst 18 Monate alt sind, kaum sprechen können und keine normativen Äußerungen im eigentlichen Sinne verwenden“ (Tomasello 2010, S. 76).

    Dies ist eines von vielen Beispielen aus dem Buch, die Tomasellos Annahmen zu bestätigen scheinen. Auf der Homepage des Max Planck Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, an dem er seit 1998 tätig ist, stellt er eine Reihe von Videos bereit, die entsprechende Studien mit Kindern und mit Schimpansen dokumentieren: Videostudien .

    Tomasello führt in seinem Buch zahlreiche experimentelle Belege an, die die Annahme bestätigen, dass das frühe Helfen bei Kleinkindern Ausdruck ihrer natürlichen Neigung ist, Mitgefühl zu zeigen. Der Altruismus bei Kleinkindern ist aus seiner Sicht nicht auf den Einfluß sozialisierender Prozesse innerhalb der Familie zurückzuführen.

    Video: Arbeitsansatz von Michael Tomasello und Timothy Bromage
    Der Arbeitsansatz von Michael Tomasello in einem Video anläßlich der Verleihung des Max-Planck-Forschungspreises 2010

    Im Folgenden einige vertiefende Links zum Buch und zum Ansatz von Tomasello:

  • »Why we cooperate« bei Google books
  • Video: Menschliche Evolution, Michael Tomasello und Timothy Bromage
  • Videostudien: Altruistisches Helfen von Kleinkindern
  • Homepage des Lehrstuhls von Michael Tomasello
  • Quellen:

    • Tomasello, M. (2010). Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp